Ausflug in den Norden

Als unsere Motorräder blitzblank geputzt sind, beschließen wir, sie wieder schmutzig zu machen und die auf der Karte recht kurvig eingezeichnete Straße in den Norden der Insel auszuprobieren. Durch Chalkida stockt der Vormittagsverkehr. Als Einspuriger kommt man etwas besser durch. Nach dem Ortsende geht es noch ein paar Kilometer am Meer entlang. In Psachna (Psahna) biegen wir falsch ab. In diesem Landstrich Griechenlands ist alles auf Griechisch beschriftet - auf die sonst übliche Übersetzung der Wegweiser einige Meter weiter wartet man hier vergeblich.

Die Straße wird enger, der Verkehr weniger - so gar nicht das, was man von der einzigen großen Straße in den Norden der Insel erwarten würde.

In einem kleinen Ort halten wir. Ich nehme die Karte, begebe mich zu einem Griechen (der nur Griechisch spricht) und frage ihn in Zeichensprache, wo wir denn wären. Er studiert die Landkarte, fährt dann mit dem Zeigefinger auf einen Ort und sagt etwas, was wohl "Hier" bedeutet. Wir sind in Maktrikapa. Also falsch. "Efcharisto" - gewendet - und retour nach Psachna.

Dort landen wir abermals in einer Gasse, die gar nicht so aussieht, als wäre sie die von uns gesuchte Nord-Süd-Hauptverbindung. Während wir uns noch verwirrt umschauen, bremst ein alter Mann sein Moped neben uns ein und fragt uns in blumigem griechischen Wortschwall, wohin wir denn wollen. Wir zeigen es ihm auf der Karte. Er versteht unser Problem, beginnt ausschweifend zu erklären, wobei er dezent in die Richtung deutet, aus der wir kommen. Ohne seinen Wortschwall zu unterbrechen, schlägt er ein Kreuz und deutet vehement nach rechts. Schließlich fuchtelt er ganz wild. Wir verstehen ganz klar: Die Straße zurück, bei der Kirche rechts und dann weiter, weiter, weiter, bis in den Norden. "Efcharisto" - gewendet - und retour zur Kirche. Dort wartet er auf seinem Moped auf uns, versichert sich, dass wir richtig abbiegen, geleitet uns noch ein Stück, um uns schließlich mit seinen herzlichsten Wünschen und mit wildem Gefuchtel noch Norden zu entlassen. "Efcharisto poli".

Schon bald stehen wir - abermals ratlos - an der nächsten Kreuzung. Diesmal gehen wir es wissenschaftlich und nicht experimentell an. Tjaky analysiert die Kreuzung, die Lage der beiden sichtbaren Ortsschilder und die Straßenführung und vergleicht sie mit der sehr genauen Karte der "Road Edition". Eine Frau (Touristin, Englisch sprechend) mit einer Landkarte der Insel im A4-Format, versucht ebenfalls, den Wegweiser zu deuten. Tjaky hat's schnell raus und sagt ihr den Weg. Während wir noch kurz stehen bleiben, um einen Schluck aus der Motorrad-Bar zu nehmen und eine zu rauchen, bleibt ein LKW-Fahrer stehen und erkundigt sich auf Griechisch, ob er helfen kann. "Efcharisto" - kann er nicht, wir sind im Bilde - und fahren weiter.

Ab Psachna schlägt das Herz des Motorradfahrers höher. Sanft geht es in Kurven und Kehren (mehr Kurven als Kehren) hinauf ins Gebirge, das, bewaldet und schattig, bei angenehmer Temperatur eine Strecke bietet, die so schön ist, dass wir beschließen, sie einzurollen und mit nach Hause zu nehmen. Die folgenden 25 km (klingt weniger als es ist) genießen wir in vollen Zügen.

Aber Achtung!!! Das Bankett ist nicht befahrbar - und das Bankett reicht manchmal bis in die Mitte des Fahrstreifens! Stellenweise hat sich der Asphalt wellenartig verschoben, was durch die Licht- und Schattenspiele erst bemerkbar wird, wenn man drüberrumpelt. Besonders in Kurven, die den Berg hinaufführen, ist mit starken Verschmutzungen durch Gummi, Öl und Diesel zu rechnen! Stille Zeugen von schweren Unfällen sind die Leitplanken, die stellenweise als skurril in sich verknotete Metallbänder ihr von der Straßeninstandsetzungsbehörde vergessenes Dasein am Straßenrand fristen.

Dennoch ist die Strecke ein Muss für jeden Motorradfahrer oder Kurvenliebhaber und, da keine extremen Schwierigkeiten eingebaut sind, auch für Neu- und Widereinsteiger bestens geeignet.

Tavernen, die zumindest Flüssiges anbieten, gibt es auch auf der Bergstrecke. Tanken sollte man noch in Psachna, denn die nächste Zapfsäule gibt es erst vor Prokopi.

Wir fahren bis Prokopi, wo wir den Flüssigkeitshaushalt unserer Körper in Ordnung bringen, und weiter bis Aghia Anna, wo wir die Mittagspause eingeplant haben. Doch die Stadt am Hügelhang zeigt sich an ihrer Hauptstraße mit Speisetempeln nicht sonderlich bestückt, also fahren wir nach Prokopi zurück. wo sich am Hauptplatz einige Lokale anbieten, und laben uns dort mit griechischem Salat und Tsatsiki.

Zurück nach Eretria geht es dieselbe Strecke. Auch in die Gegenrichtung sind die Kurven ein Genuss.


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Alle Texte und Fotos, wenn nicht anders angegeben, © Tatjana Suchovsky und Rudi Benesch.


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