Delfi



Fast noch mehr von den anwesenden Touristen bestaunt als die alten Säulen, ziehe ich mit Rückenprotektor (den ich nicht mehr am oder im Rad unterbrachte), Lederhose und Stiefeln bei Gluthitze über die Ausgrabungsstätte. Ich bin froh über mein Outfit: Die steinbeplatteten Wege sind spiegelglatt - gutes Schuhwerk anziehen! Es gibt am Gelände keinen Kiosk, an dem man etwas zu trinken kaufen könnte - unbedingt Getränk mitnehmen! - und auch wenig Schatten - Kapperl oder Sonnenhut aufsetzen!

Vom 8. bis zum 1. Jhdt. v. Chr. muß sich hier mächtig viel abgespielt haben! Nicht nur Ratsuchende aus allen Ländern, hochg'scheite Priester und ein Heer von Personal, das die Opfergaben und Zahlungen verwaltete, bevölkerten die Stadt, sondern auch eine Unzahl von Göttern: Gaia, und ihr Gatte Poseidon (auch Orakelgott), Athena und Dionysos, Themis, Hestia, Demeter, Pan, Nymphen, Musen, Bacchantinnen, Thyiaden und - last but not least - Apollon, ab dem 8./9. Jhdt. v. Chr. als "Gebieter" und oberster Gott.

Die antiken Ratsuchenden brauchten oft ein Monat, bis sie Delfi erreicht hatten. Damals gab's keine Flugzeuge und keine gut ausgebaute Straße den Berg hinauf, sondern nur einen "steilen und auch für einen rüstigen Mann schwierigen Weg". Gleichermaßen werden antike und neuzeitliche Pilger durch den tollen Ausblick belohnt: Delphi liegt ca. 550 m hoch am Südhang des Parnaß (2.457 m). Im Westen erblickt man das Giona-Massiv (2.510 m) und im Osten das angeblich von den Musen bewohnte Helikon-Gebirge (2.300 m). Zum Meer hin liegt die mit Ölbäumen bepflanzte Ebene von Itea.


Die antike Stadt

Es fällt angesichts der vielen auf eigentlich freien Plätzen deponierten Stein- und Säulenfragmenten schwer, die Stadt vor dem geistigen Auge in ihrem ursprünglichen Zustand wiedererstehen zu lassen. Stülpt man den unzähligen Touristen - gedanklich - antike Kleidung über, wird die Szenerie schon realistischer.

Wir möchten hier nicht auf jedes Gebäude einzeln eingehen, sondern einen Gesamteindruck vermitteln.
Die Stadt war nicht nur Kultstätte und dem heiligen Rausch gewidmet, sondern auch der Kunst und der körperlichen Ertüchtigung. Das Theater faßte in 35 Sitzreihen 5.000 Menschen (da müssen sie aber schon fest gekuschelt haben!) und diente auch als Konferenzzentrum.

Ganz oben, außerhalb des Heiligen Bezirks, liegt das Stadion mit einem Fassungsvermögen von 7.000 Zuschauern. Die Besucherränge verursachten immer wieder Kosten und Probleme - an der Südseite mußte die Anlage durch Stützmauern gesichert werden und drohte immer wieder abzusacken. (Offensichtlich haben es die Baumeister vor dem Beginn der Bauarbeiten unterlassen, das Orakel zu befragen.) Durch den geschmückten Bogen im Südosten zogen die Atlethen und Musikanten ein, vorbei an der Bank der Schiedsrichter in der Mitte der Nordseite. An der 177,55 m langen Bahn sind noch die Startschwellen mit den Startrillen für die Zehen der Läufer erhalten sowie die 17 Löcher, in denen man die Speere befestigte, welche die Wettkämpfer voneinander trennten. Einer Inschrift ist zu entnehmen, daß es bei einer Strafe von 5 Drachmen verboten war, den jungen Wein, der im Stadion aufbewahrt war, aus diesem zu entfernen!

Stark sportlich orientiert war auch das Gymnasium, unterhalb der Bundesstraße. Dort war ein Ring- und Faustkampfplatz eingerichtet, es gab Umkleide- und Trainingsräume sowie ein Badehaus. Auf dem höher gelegenen Teil befand sich der 184,83 m lange Xystos, ein überdachter Säulengang, in dem die Sportler auch bei Regen oder großer Hitze trainieren konnten, sowie die Paradromis, eine Laufbahn unter freiem Himmel. In hellenistischer Zeit lehrten hier Dichter, Rhetoren und Astronomen.

Also, mächtig was los, in der Stadt!
Unzählige hochherrschaftliche Pilger mit ihrem Gefolge, festliche Prozessionen, weise Priester, fesche Atlethen, pedante Verwaltungsbeamte, studierte Professoren und willige Schüler, kulturell interessierte Theaterbesucher und übermütige Sportfans.
Doch etwas fehlt mir in dem Bild: Wo mögen all die Menschen gegessen und gewohnt haben?
Es muß hier noch etwas geben haben: zahllose Hütten in der Umgebung und unten in Itea (dem Anlaufhafen von Delfi), wo geldgierige Händler ihre Waren zu verkaufen suchten und Wirte zu überteuertem Speis und Trank einluden. Herden von vermehrunswütigen Ziegen auf den Abhängen ... irgendwo mußten die Tierchen ja hergekommen sein! Beherbergungsbetriebe - die Atlethen und hochherrschaftlichen Pilger bzw. deren Abgesandte haben sicher nicht im Schlafsack im Olivenwäldchen genächtigt.
Also ist auch in Delfi seit dem 8. Jhdt. v. Chr. alles beim Alten geblieben.


Das Orakel

Private Probleme wurden dem Orakel nicht vorgetragen, sondern hauptsächlich staatspolitische Fragen. Da guter Rat schon damals teuer war, überlegten sich die Pilger ihre Formulierungen gut, oft unten an der Quelle, wo es schattige Plätzchen gab, und im Beisein von Priestern, die gerne behilflich waren, wurde so ihr Wissen über die Sorgen und Zukunftspläne der Staatsoberhäupter stets erweitert. Auf diese Art steuerten die Weisen von Delfi das Geschehen in der antiken Welt und entwickelten Lösungsansätze, oft ohne daß es dem Fragesteller bewußt wurde, was dort "hinter den Kulissen" ablief.

Nach der mythischen Tradition machte Gott Apollon Winterurlaub bei einem legendären Volk im Norden, den Hyperboreen. Im Frühling kehrte er in einem von Schwänen gezogenen Wagen nach Delfi zurück. Und dann stand er für Orakel-Auskünfte nur einmal pro Jahr, an seinem Geburtstag im März, zur Verfügung.

Als der Ansturm der Ratsuchenden zu groß wurde, mußte Apollon seine Arbeitszeit verlängern. Als freie Tage gestand man ihm nur mehr jene zu, an denen die Vorzeichen ungünstig standen und das Orakel schwieg.

Fragesteller mußten sich Reinigungs-, Opfer- und Zahlritus unterziehen.
Einer davon war das Ritual mit dem Voropfer. Ob der Tag für die Befragung günstig war, wurde mittels einer Ziege herausgefunden, die man mit kaltem Wasser bespritzte. Reagierte die Ziege nicht, war der Tag ungünstig. Begann sie zu zittern, war alles OK. (Naja - Wassertemperatur ist anpaßbar!)
Normalerweise wurde die Ziege aus der Staatskassa bezahlt. Außer an den orakelfreien Tagen. Danach wurde sie unter den Priestern und den Gläubigen aufgeteilt, wobei dem Schlächter und dem Fleischhauer eine Portion für seine Dienste zustand. Wurde sie als Sühnopfer verbrannt, mußte der Pilger ebenfalls dafür zahlen, da dabei das Fell draufging, welches dem Heiligtum vorbehalten war.

Die Sache mit der Ziege war nicht die einzige Abzocke. Der Begriff "delphisches Küchenmesser" ging in die damalige Umgangssprache ein und bezeichnete habgierige, auf Gewinn erpichte Menschen.

Der Lorbeerbaum, der Dreyfuß und die Pythia (eine weise, keusche - später ältere Frau ... die jungen pflegte man zeitweise zu entführen!), spielten stets eine wichtige Rolle.
Zuerst gab es nur eine Pythia, später mehrere, um den Schichtbetrieb aufrecht erhalten zu können.
Nach der Reinigung der Pythia an der Kastalischen Quelle ging's in einer Prozession zum Apollon-Tempel, wo mit Lorbeerblättern mächtig gequalmt wurde, danach ins Adyton zur Befragung.
Ob sie auf oder neben dem Dreyfuß saß und die "inspirierenden" Dämpfe ihm oder einem Spalt in der Erde entstammten, blieb bis heute ungeklärt.

Es gab zwei Orakelvarianten: die Entscheidung durch das Los, bei dem eine mit Ja oder Nein zu beantwortende Frage gestellt wurde und die Pythia eine Bohne aus dem Dreyfuß zog. War die Bohne weiß, bedeutete das "Ja". War sie schwarz, "Nein".
Oder das Spruchorakel, von Pythia im Drogenrausch gestammelt und von den Priestern in Hexameter oder in Prosa übersetzt.


Der eiförmige Kalkstein Omphalos (gr.: Nabel) soll auch ein Orakelstein und von göttlichen Kräften erfüllt gewesen sein. Später teilte man ihn der Gaia zu, dann dem Apollon und sah ihn als "Nabel der Welt" an. Er ist einer der wenigen Steine, die von den Touristen berührt werden dürfen - und das tun sie auch ausgiebig, man sieht es ihm an! Klar - ist er doch nur eine Kopie! Der legendäre Steinblock ging nämlich verloren und eine Nachbildung aus der hellenistischen Epoche steht im Delfi-Museum.

Delfi - im September genossen. Da schafft man es tatsächlich, das eine oder andere Foto zu machen, ohne daß sich ein Tourist mit drauf befindet. Es schaudert mich allerdings bei dem Gedanken an die Hochsaison ...

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